Einsatzbericht Covid-19 Nr. 7

Tagebuch 07.04.2020

Hptm. Neel «El Sid» Bechtiger

Einsatzleiter «Covid19» - Team Wanner

04:50 Uhr – um diese Zeit holte mich der Wecker aus dem Schlaf. Die Nacht war unruhig, aber der Motor lief. Nach bereits einigen Wochen im Einsatz für die ZSO ist die Zeit zwar kein Problem mehr und man weiss, was einen erwartet. Aber eben doch nicht so richtig. Es ist kein normaler Einsatz.

Das Coronavirus ist unberechenbar. In den letzten Wochen habe ich Eines gelernt: Der Plan von Heute ist Morgen unter Umständen bereits wieder Makulatur. Von unserem Kommando sind wir in allen Wiederholungskursen immer und immer wieder darauf getrimmt worden flexibel, schnell und effizient zu arbeiten. Die grösste Herausforderung ist es, in jedem Moment mit dem Schlimmstmöglichen rechnen zu müssen. Ganz verdrängen darf man dieses Szenario nie. Denn wenn es wirklich soweit kommen würde, muss man im Kopf bereit dafür sein.

Ich starte motiviert in diese Woche. Der Dienst macht, so salopp es klingt, Freude! Ich bin Teil eines grossartigen Teams. Wir funktionieren zusammen. Wir helfen einander aus, wir holen uns aus Tiefs heraus, wir holen jemanden runter wenn er überdreht. Wir arbeiten viel und die Tage sind lange, teilweise sehr lange. Wir arbeiten konzentriert, wir arbeiten motiviert.

Heute stand wieder der Wechsel der Teams an. Das «Team Wendel» hat die letzte Woche bestritten und am Sonntag die Übergabe vorbereitet. Durch die Protokolle, die ich mir noch gestern durchgelesen habe, bin ich ein wenig vorbereitet. Ich weiss über die geplanten Einsätze Bescheid. Viel hat sich zur vorletzten Woche, meiner letzten Einsatzwoche, nicht verändert. Einige Einsätze sind dazu gekommen, und einer ist vorerst sistiert. Wir arbeiten ungefähr mit derselben Personalstärke.

Auf der Fahrt durch die Nacht von Uster nach Rüti war ich praktisch allein auf den Strassen unterwegs. Das Zürcher Oberland schläft noch …

Der Frühling hält Einzug in der Schweiz. Es lag ein feiner Raureif auf den Feldern, die Nächte sind trotz Temperaturen um 20° am Tag noch kalt. Meine Jacke lag daher wie gewohnt auf dem Beifahrersitz.

Um 05:35 Uhr bin ich an unserem «Hauptquartier» eingetroffen. Ich war nicht der Erste.

Nach einem kurzen Kaffee, um auch die letzten Lebensgeister aus dem Tiefschlaf zu holen ging es los! Übernahme der Einsatzleitung. Team Wendel von letzter Woche hat uns die ganzen Abläufe strukturiert übergeben und die umgesetzten Ideen bzw. Änderung zu unserer letzten Woche zu Papier gebracht. Papiere wurden gewälzt und immer wieder haben wir die Köpfe zusammen gestreckt wie dies und jenes gemacht werden sollte. Bezüglich dem Ansteckungsrisiko machen zwei Teams, die sich nicht sehen natürlich Sinn, die Übergabe ohne direkten persönlichen Kontakt macht es aber zur Herausforderung.

Nach und nach rückten die ersten AdZS ein, erst das mittlere Kader wie der C. Telematik, der C.Lage und nach und nach auch die Gruppenführer der einzelnen Fachbereiche. Wir befinden uns schon in der vierten Woche im «scharfen Betrieb», entsprechend war fast das komplette übernehmende Kader bereits einmal im Einsatz – man weiss worum es geht und wie die Abläufe im groben funktionieren.

Um 07:20 Uhr wurde die Schlange bei der Anmeldung lang, die Mannschaft rückte ein und wurde triagiert. Mit einem halben Ohr hörte ich meinen Namen als ich mit dem C.Telematik im Gespräch vertieft war. Die Triage hat einige Fälle zur Bearbeitung hervorgebracht. Ich hatte bereits in den letzten Wochen die Aufgabe übernommen, freiwillig oder nicht, die Triage zu bearbeiten und zu entscheiden was mit AdZS geschieht die «gelb», «blau» oder «rot» sind. Diese Triage haben wir vor einigen Wochen geplant und setzen sie seit dem ersten Tag mit der Mannschaft um. Wer Krankheitssymthome aufweist ist rot, wer möglicherweise infiziert ist, ist gelb, und wer sich ausserhalb der ganzen Corona-Viren Thematik nicht diensttauglich fühlt, wird blau.

Ich setzte mich in der langsam aufgehenden Sonne in die Triage-Zone und nahm Fall für Fall auf. Die Quote war erfreulich. Am Ende musste ich nur einen einzigen AdZS wegen einem vermuteten Bandscheibenvorfall entlassen. Die ca. 6 anderen «bearbeiteten» AdZS sind mit allen Vorsichtsmassnahmen, welche wir so oder so seit Wochen umsetzen – Mindestabstand – Händewaschen – Maskenpflicht in sensiblen Arbeitsbereichen – ohne Bedenken einsatzfähig.

Der Kommandant Oberstlt Markus Wanner war derweil in der Turnhalle daran, alle AdZS in den «Groove» des Einsatzes zu bringen. In einer kleinen Absprache informierte ich kurz unseren Zugführer der Betreuung, welcher die Personaleinsätze der Betreuung geplant hat, über den Ausfall dieses einen AdZS. Die Personalgeschichte war damit für mich abgeschlossen für den Moment. Ab dem Zeitpunkt kümmerte ich mich gedanklich um die Führungsunterstützung, die FU. Gleich zwei Soldaten wurden von der letzten Woche zur Übernahme nochmals aufgeboten, diese waren als ich das KP betrat dabei die frisch eingerückten AdZS über alles zu informieren. Abläufe, zwingende tägliche Pendenzen usw.

Ich verliess diese Runde nach wenigen Minuten wieder mit einem guten Gefühl, es scheint alles soweit eingefädelt zu sein, über die FU werde ich mir in den nächsten Tagen weniger Gedanken machen müssen, der Laden läuft.

Mein nächster Anlaufpunkt war die Hotline. Dank eines Gruppenführers der Betreuung, welcher die letzten Wochen bereits hier war und die «Controller» Funktion der Hotline übernommen hat, war dieses kurze Infogastspiel ebenfalls nach wenigen Minuten beendet. Die Hotline ging vor drei Wochen «on air», die Abläufe haben sich da sehr schnell gefestigt und ausser ganz kleinen feinen Justierungen in den ersten Tagen war da kein Eingreifen mehr nötig.

Mit dem «Hotline Controller» setzte ich mich anschliessend noch kurz zusammen, um mich über die ersten Einsätze von Freiwilligen zu Gunsten der Spitex Bachtel informieren zu lassen. Diese werden ab heute den Mahlzeitendienst von uns übernehmen. Deshalb hat er diese 4 Freiwilligen auf 09:45 Uhr zur Information geladen. Ich schaute mit ihm nochmal die Keypoints des Einsatzes an. Einerseits um selber auf dem neusten Stand zu sein, andererseits um ihm die Sicherheit geben zu können an Alles gedacht zu haben.

Dann kehrte langsam Ruhe ein. Die Sonne schaute über das Dach der Turnhalle und ich konnte das erste Mal 5min den Kopf lüften.

So simpel es klingt, auch diese Zeit ist nicht zu unterschätzen … zudem in diesen Momenten die meisten Ideen reifen. Es war vielleicht etwa halb 10 Uhr als ich mich das erste Mal aufmachte unsere Turnhalle zu umrunden. Zu Besuch beim Team RFS Bachtel. Diese arbeiten neu räumlich getrennt und absolut autonom von uns für den Stab. Trotzdem sind es «meine Leute», zwei Soldaten und ein C.Lage um genau zu sein. Mir liegt auch viel am Wohlergehen dieses Truppenteils, weshalb ich es mir nicht nehmen lasse mich auch um deren Befindlichkeit zu sorgen. "Klappt alles, seid ihr mit Arbeit versorgt, sonstige Probleme oder Fragen?" War nicht der Fall wie ich es einschätze, auch zwischen den Zeilen lese.

Der restliche Vormittag verbrachte ich damit mich einzuarbeiten in die Woche und den Puls bei der Übergabe der Telematik und der Lage zu fühlen. Es ist nach den Wochen im Einsatz teilweise etwas merkwürdig; Plötzlich ist eine Stunde um, man ist hier und da, ist immer beschäftigt, aber was habe ich dann genau gemacht?

Ich beschäftige mich damit für diese Woche das Organigramm zusammen zu bauen, um der FU diese Aufgabe abzunehmen und eine saubere Vorlage für die Zukunft zu haben. Ich verschaffte mir einen Überblick in der Personalliste und gab hier und da einen kleinen Input rein.

Der Rapport um 12 Uhr verlief ruhig. Zu diesem Zeitpunkt erfährt man aus allen Fachbereichen die Zwischenstände. Für eine Übernahme an einem Montag war alles sehr entspannt, das komplette Team wirkte als wären wir schon Wochen zusammen im Dienst (was für einen Teil der Truppe auch stimmt, längst aber nicht für alle). Wie bereits am Rapport orientiert wurde, sind die Einsatzzeiten für das Wochenende soweit bekannt. Das war praktisch, um sich im Kopf vorzubereiten wie das Wochenende, es sind Ostern, ungefähr aussehen könnte. Als wichtig erachte ich, dass alle Leute, die im Dienst sind, auch beschäftigt sind, wer nicht benötigt wird, soll nicht von uns hierbehalten werden. Es ist absehbar, dass am Wochenende ein reduzierter Betrieb gefahren wird. Ob es dann auch tatsächlich so kommt, wird man Ende Woche sehen, die Planungen gehen zumindest mal in diese Richtung.

Nach einem kurzen Mittagessen um 13 Uhr ging es weiter wie am Vormittag. Ich nahm noch das Projekt «DB / EO / SOLD» in die Hand. Dieses tragen wir bereits seit einigen Tagen als ständige Pendenz mit uns herum. Einige Soldaten waren bereits im Dienst, ohne aber die Unterlagen nach dem Abtreten mitzunehmen.

Einige von ihnen sind diese Woche erneut eingeteilt. Diese Personen muss man filtern und entsprechend beim Abtreten dann noch kurz herauspicken.

Ich schaute nochmals bei meinen Leuten vom RFS vorbei. Für die anstehende Sitzung am Abend mit der Politischen Führung in unserem Verbandsgebiet, mussten diese noch einige Daten für den Stabschef des RFS aufbereiten. Ich organisierte den Fahrzeugtausch zwischen der Küche und der Unterstützung. Ich kontrollierte die Liste unserer personellen Mittel, welche täglich an die Einsatzleitung ZSO des Kantons gesendet werden muss. Mit solchen «kleinen» Arbeiten war der Nachmittag wieder schneller fertig als vermutet und auch für Morgen liegen noch einige kleine Dinge auf meinem Pendenzenstapel.

Die Mannschaft der Betreuer, Unterstützer und der Anlagedienst wurden flexibel entlassen noch vor 17 Uhr. Das Ziel, Niemanden unnötig warten zu lassen, wurde damit erreicht. Um 17 Uhr fand pünktlich der zweite Rapport des Tages statt. Wir setzten uns nochmal mit den geleisteten Arbeiten auseinander, genauso wie mit den Planungen für den nächsten Tag. Der grösste «Brocken» am morgigen Dienstag wird für uns in der Führung bereits die Vorbereitung des Personals für nächste Woche sein, sowie die Finalisierung des «Osterkonzepts». Aber dafür ist auch Morgen noch Zeit …

Das wir uns bereits am Dienstag mit der finalisierten Planung für die nächste Woche auseinander setzen können, ist vor allem der sauberen Übergabe vom «Team Wendel» sowie den verantwortlichen Offizieren bei der Betreuung und den Pionieren zu verdanken. Die haben die Planung mit den Partnern, die wir unterstützen, sowie das dafür benötigte Personal im Griff!

Nach dem Rapport waren wir von der Führung dann relativ schnell allein. Die Mannschaft, auch die Führungsunterstützung, welche nach dem Rapport noch einige Arbeiten zu erledigen hatte, wurde in den wohl verdienten Feierabend entlassen. Das emsige Treiben welches den ganzen Tag im KP vorherrschte wich einer beruhigenden Stille. Wir hatten den Tag geschafft und ohne erwähnenswerte Komplikationen gemeistert.

Nach einigen ruhigen Minuten in der Abendsonne und einigen Gesprächen über den Tag und das weitere Vorgehen mit meinen Kameraden, kümmerte ich mich vertieft in dieses Tagebuch sowie in den Blogeintrag von heute. Und plötzlich war es 19:30 Uhr. Um 20 Uhr ist Zeit für die Videokonferenz des Stabschefs RFS mit den Gemeindepräsidenten, den Gemeindeschreibern sowie den Sicherheitsvorständen. Eine kleine Stärkung lag aber gerade so noch drin bevor die Konferenz pünktlich startete. Die Sitzung, auch wenn ich da nur als stiller Teilnehmer beigewohnt habe, war intensiv geführt und ergebnisorientiert. Ob es für die Sitzung auch meine Anwesenheit braucht sei dahingestellt, aber um den Puls zu spüren ist es definitiv keine schlecht investierte Zeit.

Als ich die Halle das nächste Mal verliess war die Dämmerung bereits vorbei, die Nacht hat sich über Rüti gelegt. Ich war seit über 16 ½ Stunden im Dienst und noch länger auf den Beinen. Und wenn ich ganz genau in die stille lauschte hörte ich leise mein Bett nach mir schreien.

Mein «Dienstwagen», ein Einsatzfahrzeug von uns, stand bereit. Dummerweise war da aber noch ein grosser Anhänger an der Kupplung. Ich kann ja viel, aber ursprünglich bin ich aus der Führungsunterstützung – und dies nicht ohne Grund. Ein Anhänger abkoppeln? Eigentlich eine leichte Übung … müsste man meinen, auch nach einem so langen Tag? Der Zugführer der Unterstützung welchen ich eben zu dieser Unterstützung mitgenommen habe löste mein Problem. Es gibt Momente wo ich froh bin gewisse Aufgaben delegieren zu können 😉. Und im Kopf notierte ich, unserem C.Fahrer morgen zu sagen, dass man doch bitte Anhänger und Zugfahrzeug am Abend trennen soll. Ohne den «Dienstwagen» wäre ich übrigens etwas hilflos und ein so frühes Antreten auf Platz wie heute wäre nicht möglich.

Es war exakt 22:19 Uhr als ich den Schlüssel des Autos drehte. Wie am frühen Vormittag waren die Strassen wie leergefegt. Ein leerer Bus kam mir entgegen. Das Zürcher Oberland schläft bereits ….

Es sind die Momente, in denen ich in Gedanken den Tag Revue passieren lasse und mir überlege: Was kann ich morgen besser machen?! Was können wir morgen besser machen?! Was muss ich morgen besser machen?! Was müssen wir morgen besser machen?! Wie auch immer man diese Fragen beantworten kann … wichtig ist das «wir». Ein Team, jeder hat seine Position, jeder verzahnt mit den anderen. Niemand ist unersetzbar, darauf wurden wir trainiert, aber jeder hat seine Aufgabe. Teil eines solchen Teams zu sein erfüllt mich mit Stolz.

Übersicht über die Lage am 07.04.2020:

Die Einsätze der ZSO Bachtel laufen praktisch unverändert wie am Montag weiter.

Die Tendenz der leicht rückläufigen Fallzahlen (Neuinfizierte mit Corona) hat sich fortgesetzt. Bei der Pressekonferenz am Nachmittag machte der Bund aber klar: «Wir haben maximal Halbzeit in dieser Krise hinter uns».

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